Betrachtungen

Die Gabe des Priestertums

Das Priestertum ist eine Gabe, kein Verdienst und keine Folge einer menschlichen Forderung. Gott selbst richtet seine Einladung an die erwählten Männer, die er mit dem Priestertum beschenken will. Als Gabe sollen es auch die Gläubigen annehmen, die den Dienst der Priester in Anspruch nehmen. Nicht die Menschen wählen den Priester, damit er sie vor Gott vertritt, sondern Gott wählt den Priester, um durch ihn den Menschen zu begegnen. Durch das Priestertum macht Gott sich in seinem Volk gegenwärtig und wirkt in ihm. Weil das Priestertum eine große Gabe Gottes ist, muss es besonders geachtet und mit dem Gebet geschützt werden. Man kann es nämlich verlieren, und dann nehmen alle Schaden.

Sind wir uns der Verantwortung für die Gabe des Priestertums bewusst? Bei unseren verschiedenen Zusammenkünften, auch in der Familie, kommt oft dasselbe Thema auf: die Sünden unseres Pfarrers oder unseres Kaplans; dieser Priester hat dies getan, jener noch Schlimmeres. Wie viel mehr Nutzen brächte es, wenn wir diese Zeit dem Gebet für unsere Priester widmen würden. Ist uns bewusst, wie große Verantwortung jeder Priester trägt? Und dabei ist ein Priester ein Mensch aus Fleisch und Blut. Er erlebt seinen Stress, er wird von verschiedenen Versuchungen geplagt, er kann Krisen des Glaubens und der Berufung durchmachen, die mit dem Dienst, mit der Einsamkeit und mit dem Alter zusammenhängen. Auch der böse Geist richtet seine Angriffe in besonderer Weise gegen das Priestertum und gegen die Priester. Sehen wir nur, wie sehr es heute in Mode gekommen ist, sich über das Priestertum lustig zu machen und zu spotten. Das Wort Gottes sagt uns, warum das so ist. Schlag den Hirten, damit sich die Schafe zerstreuen (Sach 13,7). Wir sind Zeugen eines großen geistlichen Kampfes um die Priester, aber auch um das göttliche Leben in uns. Was tun die Schafe, wenn der Hirt fehlt?

Das Priestertum ist eine große Gabe, eine erflehte und erbetene Gabe. Eine Gabe für den Priester selbst, vor allem aber für die ganze Gemeinschaft der Gläubigen. Eine Gabe, die heute so oft geringgeschätzt und verlacht wird. Man möchte fragen: Brauchen wir die Priester heute noch? Braucht der Mensch einen Priester? Manchmal hört man: An Gott glaube ich, aber die Kirche und die Priester erkenne ich nicht an. Wie kann man Wasser aus der Quelle des Lebens trinken und zugleich den Brunnen ablehnen, aus dem man dieses Wasser schöpft?

Es ist auch gut, dass ein Bewusstsein für die Anforderungen an den Priester besteht. Wahr ist aber auch, dass die Gläubigen Verantwortung für sein Priestertum tragen. Der Priester ist PRIESTER nicht für sich selbst, sondern für die anderen. Für ihn zu beten, ihn mit Achtung und Freundschaft zu umgeben, ihn in schweren Stunden zu stützen und vor dem Bösen zu schützen – das ist heute eine große Aufgabe für uns alle. Die Priester zu unterstützen ist eine ernste Herausforderung für jeden Christen, der seine Verantwortung für die Kirche spürt. Die Kirche hat viele Menschen, die ihr Gebet und ihr Leben in der Intention der Priester aufopfern. Zu ihnen gehört die heilige Theresia vom Kinde Jesu: „Seit Langem hegte ich einen Wunsch, der mir – wie mir schien – unerfüllbar war: einen Bruder zu haben, der Priester ist. Doch Jesus hat mir nicht nur die Gnade erwiesen, die ich ersehnte, sondern hat mich durch geistliche Bande mit zwei seiner Apostel verbunden, die meine Brüder geworden sind. […] Ich vertraue darauf, dass ich durch Gottes Gnade mehr als zwei Missionaren von Nutzen sein werde, und zugleich werde ich nicht vergessen, für alle zu beten, auch für die einfachen Priester, deren Sendung ebenso schwer ist.”
Jeder Priester ist sich seiner Schwäche bewusst. Er weiß auch, dass das Werk, zu dem er gerufen wurde, ihn übersteigt. Deshalb braucht er die Unterstützung vieler Menschen. Wenn er sich der Evangelisierung und den Exerzitien widmet, wenn er das Wort verkündet und die Sakramente spendet, aber auch in seinem gewöhnlichen Alltag braucht er jene, die geistlich an diesem Dienst teilhaben. Gott weiß, von wem mehr abhängt – von den Priestern oder von denen, die ihnen auf vielfache Weise zu Hilfe kommen.

„Herr Jesus, du hast deine Priester aus unserer Mitte erwählt und sie gesandt, dein Wort zu verkünden und in deinem Namen zu handeln. Für eine so große Gabe an deine Kirche nimm unsere Anbetung und unseren Dank an. Wir bitten dich: Erfülle sie mit dem Feuer deiner Liebe, damit ihr Priestertum die Menschen dir näher bringt. Möge deine Kraft ihre Schwächen durchdringen. Lass nicht zu, dass sie in ihren Bedrängnissen zerbrechen. Gib, dass sie in Zweifeln niemals der Verzweiflung nachgeben, dass sie den Versuchungen nicht erliegen und sich in Verfolgungen nicht verlassen fühlen. Mögen sie dir durch ihren Dienst Ehre bringen, und uns schenke die Gnade, sie mit dem Gebet zu unterstützen. Amen.”

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